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Sehr geehrter Herr Stadtpräsident,
sehr geehrter Vertreterinnen und Vertreter des Patronatskomitees,
meine verehrten Damen und Herren.
,Eines Tages werden Maschinen vielleicht denken können, aber sie werden niemals Phantasie haben." Heute haben wir diese Maschinen, an die der ehemalige deutsche Bundespräsident Theodor Heuss schon vor rund einem halben Jahrhundert dachte. Man-machine-interaction, pervasive computing, artificial intelligence - all das prägt unser Leben mehr als wir uns bewusst sind.
Eine Reduktion auf die Technik allein bringt uns aber kaum weiter. Gefragt ist Fantasie. Fantasie und Mut zum Risiko braucht es, um jenen Nachwuchs heranzubilden, der eben diese Denk-Maschinen entwickeln, programmieren und nutzen soll. Hier haben wir es in den letzten Jahren an Fantasie und an der nötigen Portion Risikobereitschaft mangeln lassen. Weil der Markt die Nachfrage selber bestimmen soll, überlassen wir die Rekrutierung von Informatiker-Nachwuchs bewusst den Unternehmen und der Wirtschaft. Auf momentane Befindlichkeiten aus der Wirtschaft reagiert der Staat nicht. Die Nachfrage nach Spezia-listen war im Dotcom-Boom Ende der 90er-Jahre gross. Die Wirtschaft bildete aus und zahlte auch entsprechend. Eine eigentliche ICT-Goldgräber-Stimmung kam auf. Auf die Euphorie folgte die harte Ernüchterung der Dotcom-Krise. Die Folgen sind bekannt: Ein eigentlicher Einbruch auf fast allen Ausbildungsstufen, der Mangel an Informatikern. Einzig die Berufslehre hat sich seit Mitte der 90er Jahre stark entwickelt; zwischen 1995 und 2005 hat sich die Zahl der ICT-Lehrlinge von 1'995 auf 8'159 vermehrfacht. Das ist die positive Seite, denn diesen jungen Fachleuten steht eine Vielfalt von höheren Ausbildungsmöglichkeiten im ICT-Bereich offen.
Allerdings hätte dieser Einbruch nicht sein müssen; wir haben viel zu bieten und wir brauchen dringend Informatiker. Der erste Computer an einer kontinentaleuropäischen Hochschule stand 1950 in den Räumen der ETH. Die Computersprache Pascal wurde ebenfalls an der ETH entwickelt.
Man muss nicht nur an China, Indien oder Finnland denken, wenn man über Computer spricht. Wer heute einen Computer bedient, hat oft ein Schweizer Fabrikat in der Hand. Wer irgendwo auf der Welt sportliche Welt-Spitzenleistungen misst, der setzt ein Video-System aus Fribourg ein. Schweizer Unternehmer behaupten sich erfolgreich am Markt - direkt als Hersteller von Hard- und Software oder indirekt über hochentwickelte Informatikanwendungen im Maschinenbau, bei Finanzdienstleistungen oder im Verkehr.
Die gesamte ICT-Branche mit über 120'000 Beschäftigten ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und ein sehr innovativer Bereich mit interessanten Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. ICT ist zu einem eigentlichen Wachstumsmotor für unsere Wirtschaft geworden. Die Schweiz gehört heute weltweit zu den Spitzenanwendern von Informationstechnologien. Die Pro-Kopf-Investitionen im ICT-Bereich in der Schweiz sind im internationalen Vergleich am höchsten, nämlich 2763 Euro pro Einwohner. Das entspricht 6,64% des BIP. Die Schweizer Banken geben jährlich rund 7,5 Milliarden Franken für Informatik aus. In der Schweiz sind rund 3,3% aller Beschäftigten im engeren Kreis in der ICT-Branche tätig. Ohne Informationstechnologie - in irgendeiner Form - sind selbst KMU's nicht mehr wettbewerbsfähig.
Die Informationstechnologie eröffnet Randregionen wie etwa der Surselva oder dem Val-de-Travers neue Chancen. Produktionsstätten können auch abseits der Zentren oder der grossen Verkehrswege gebaut werden. Neue Arbeitsplätze werden im Glarnerland oder im Oberwallis konkurrenzfähig. Zugespitzt formuliert: Das Silicon Valley könnte eigentlich ins Schächental übersiedeln.
Angesichts dieser hervorragenden Ausgangslage ist der Einbruch in der Informatiker-Ausbildung mehr als erstaunlich.
Die Antwort liegt für mich auf der Hand: Es mangelt an Fantasie auch in der Informatik das Unmögliche möglich zu machen. Es mangelt an der nötigen Portion Risikobereitschaft, die administrativen und bildungspolitischen Hindernisse konsequent aus dem Weg zu räumen, um die ICT-Möglichkeiten voll auszuschö-pfen. Ich stelle aber auch fest, dass es offensichtlich für junge Nachwuchskräfte attraktivere Wege gibt als die naturwissenschaftlich-mathematischen. Das zeigt mir, dass das zentrale Hindernis nicht auf dem Schreibtisch steht - es sitzt vor dem Schreibtisch. Wir haben das Hindernis im Kopf!
Wenn wir den Innovationsschub nutzen wollen, dann ist nicht nur die ICT-Branche selber, sondern auch die öffentliche Hand gefordert. Dabei tritt der Staat nur dort auf, wo der Markt nicht spielt. Dies bedeutet konkret: Die allgemeine Bildung ist Sache des Staates; betriebsspezifische Ausbildung ist dagegen Sache der Unternehmen.
Darüber hinaus sind wir dort gefordert, wo sich ein Engagement für die Privatwirtschaft aus Rendite-Überlegungen (noch) nicht aufdrängt.
Wir selber bilden im EVD-Rechenzentrum 16 Informatikerlehrlinge aus. Im Bundesamt für Berufsbildung und Technologie fördern wir mit verschiedenen Massnahmen den Nachwuchs. Mit der Förderagentur für Innovation des Bundes, der KTI, stellen wir von 2008 bis 2011 rund 500 Millionen Franken zur Verfügung, damit brillante Ideen auch in marktfähige Produkte umgesetzt und den Menschen zugänglich gemacht werden können.
In der KTI setzen wir die Schwerpunkte ganz bewusst in den Bereichen Life Sciences, Mikro- und Nanosystemtechnik, Ingenieurwissenschaft und Informationstechnologie.
Dies aus drei Gründen:
Darüber hinaus ist der Staat aufgerufen, mit guten Rahmenbedingungen den Werkplatz Schweiz als Standort noch attraktiver zu machen. Dazu gehört der Abbau administrativer Hürden. Hätte nämlich Bill Gates seine Firma nicht in einer Garage in Kalifornien, sondern in der Schweiz gegründet; er würde wohl heute noch auf der Gemeinde oder beim Kanton Formulare ausfüllen. Hier müssen wir vorwärts machen. Der virtuelle 24-Stunden-Amtsschalter muss Alltag werden. Der Behördengang für Bürger muss erleichtert werden; denken Sie nur an den Komfort der elektronischen Steuererklärung.
Die Bildungsoffensive, die 1998 noch vor der Dotcom-Krise im bundesrätlichen Strategiepapier in Auftrag gegeben wurde, hat kaum gegriffen - sonst hätten wir heute nämlich keine Nachwuchsprobleme. Mit einer Strategie will der Bundesrat daher die positive Wirkung der Informationstechnologie auf Wirtschaft und Gesellschaft nutzen, um
Schwerpunkte der bundesrätlichen Strategie sind dabei der Ausbau des elektronischen Behördenverkehrs und der Einsatz der Informationstechnologie im Gesundheitswesen. Besonders bei E-Government müssen wir mehr tun, steht die Schweiz im EU-Vergleich doch lediglich auf Platz 26 von 31 untersuchten Ländern. Würden beispielsweise alle E-Government-Möglichkeiten konsequent ausgeschöpft, könnten nach Schätzungen des SECO pro Monat und Betrieb rund 30 Arbeitsstunden und jährlich über 300 Millionen Franken eingespart werden.
Auf der Anwenderseite hat der Bund bereits einiges unternommen:
Das alles genügt allerdings noch nicht.
Meine Damen und Herren, Wirtschaft und Politik müssen die Bedeutung des gesamten Informatik-Bereichs als grosser, wichtiger und rentabler Wirtschaftsfaktor für die Schweiz herausstreichen. Nur Gutes zu tun genügt nicht. Es muss uns gelingen, bewusst zu machen, dass ohne Informatik in der Schweiz - fast - nichts mehr läuft! Informatik ist zu der Schlüsseltechnologie geworden.
Deshalb:
Ich bin mir bewusst, dass sich das alles nicht im Jahr der Informatik 2008 realisieren lässt. Ich erwarte jedoch, dass 2008 Initialzündung und Katalysator sein werden für eine eigentliche Informatik-Revolution in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.
Ich danke Ihnen für Ihr Engagement und für Ihre Unterstützung.
Es gilt das gesprochene Wort !